Oberfranken: „Region mit Innovationskraft und Zukunft“
Interview

Oberfranken: „Region mit Innovationskraft und Zukunft“

16. September 2026

Im Interview mit UnternehmerLand gibt Prof. Dr. Stefan Leible, Präsident der Universität Bayreuth, Einblicke in die Entwicklung Oberfrankens als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort und zeigt auf, wie die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft, die Gewinnung qualifizierter Fachkräfte und Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz die Innovationskraft der Region nachhaltig stärken können.

Herr Professor Leible, wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung Oberfrankens als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort – und welche Rolle spielt die Universität Bayreuth dabei?

Professor Leible: Oberfranken wird häufig noch durch die Brille klassischer Industrieregionen betrachtet. Das greift heute deutlich zu kurz. Was wir derzeit erleben, ist eine bemerkenswerte Transformation: Aus einer Region, die lange für traditionelle Stärken wie Maschinenbau, Automotive, Textil oder Keramik stand, entwickelt sich zunehmend ein Standort für Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Smart Materials oder Digitale Gesundheitstechnologien.

Das Überraschende dabei: Die Dynamik entsteht nicht in einer Metropole, sondern mitten in einer mittelständisch geprägten Region. Genau darin liegt aus meiner Sicht ein Wettbewerbsvorteil. Entscheidungen werden schnell getroffen, Netzwerke sind belastbar und die Wege zwischen Unternehmen, Kommunen und Wissenschaft sind kurz.

Die Universität Bayreuth sieht sich nicht als abgeschlossenen Raum für Wissenschaft und Lehre, sondern als aktiven Teil dieser Entwicklung. Wir bringen nicht nur internationale Spitzenforschung nach Oberfranken, sondern fördern durch unsere unterschiedlichen Angebote der Forschungszentren wie auch für Studierende die Entwicklung erfolgversprechender Gründungen.

Ich erlebe das persönlich immer wieder bei Gesprächen mit Unternehmerinnen und Unternehmern. Viele sind überrascht, welche Expertise wir in Bayreuth beispielsweise bei KI, Materialwissenschaften, Batterieforschung oder im Bereich Ernährungswissenschaften aufgebaut haben. Ich erlebe regelmäßig, dass Investoren, Wissenschaftler oder Unternehmensvertreter von außerhalb deutlich positiver auf Oberfranken blicken, als wir selbst. Die Region vereint Innovationskraft, unternehmerischen Geist und Lebensqualität auf eine Weise, die heute selten geworden ist. Darauf dürfen wir stolz sein. Und das sollten wir Oberfranken deutlich offensiver nach außen tragen.

Welchen Beitrag kann die Universität Bayreuth leisten, um qualifizierte Fach- und Führungskräfte für Oberfranken zu gewinnen und langfristig in der Region zu halten?

Professor Leible: Im Wettbewerb um die klügsten Köpfe konkurrieren wir als Universität Bayreuth nicht über Größe, sondern über Qualität. Viele Talente suchen heute ganz bewusst nach einer Alternative zu den überlaufenen Hochschulen in den Metropolen. Sie wünschen sich hervorragende Studienbedingungen, persönliche Betreuung, internationale Spitzenforschung und gleichzeitig die Möglichkeit, früh Verantwortung zu übernehmen und Kontakte in Wirtschaft und Gesellschaft zu knüpfen.

Genau das bietet Bayreuth. Unsere Studierenden profitieren von einem Campus der kurzen Wege, von exzellenter Forschung und von einer engen Vernetzung mit Unternehmen und Institutionen der Region. Netzwerke entstehen bei uns nicht erst nach dem Studienabschluss, sondern häufig schon im ersten Semester. Durch Praxisprojekte, Unternehmenskooperationen, Studijobs oder Praktika lernen viele Studierende früh die wirtschaftliche Vielfalt Oberfrankens kennen und bauen persönliche Verbindungen auf, die oft weit über das Studium hinausreichen.

Dabei haben wir einen besonderen Vorteil: 75 % unserer Studierenden stammen nicht aus Oberfranken. Über 20% von ihnen haben außerdem einen internationalen Hintergrund und kommen aus über 100 Ländern. Für uns ist das eine große Chance. Wenn wir diese jungen Menschen nicht nur für die Universität, sondern auch für die Region begeistern, gewinnen Oberfranken und seine Unternehmen hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte von morgen.

Ich bin überzeugt: Wer einmal erlebt hat, wie eng hier berufliche Chancen, Innovationskraft, Lebensqualität und ein vergleichsweise bezahlbares Umfeld zusammenkommen, erkennt schnell, dass die Großstadt nicht die einzige Perspektive für eine erfolgreiche Karriere ist.

Deshalb setzen wir gezielt auf Praxisnähe, Unternehmenskontakte, Gründungsförderung und persönliche Begegnungen. Unser Anspruch ist es, nicht nur exzellente Absolventinnen und Absolventen auszubilden. Wir möchten Menschen für Oberfranken gewinnen, die hierbleiben, Verantwortung übernehmen und die Zukunft unserer Region aktiv mitgestalten.

Wo sehen Sie noch Potenzial für einen stärkeren Wissenstransfer und eine engere Zusammenarbeit zwischen der Universität Bayreuth und dem regionalen Mittelstand?

Professor Leible: Das größte Potenzial liegt aus meiner Sicht vor allem in mehr gegenseitiger Neugier. Viele Unternehmen unterschätzen noch, wie niedrig die Einstiegshürden für eine Zusammenarbeit mit der Universität sind. Umgekehrt kennen Forschende die konkreten Herausforderungen des Mittelstands manchmal nicht im Detail. Dabei entstehen die spannendsten Innovationen genau an dieser Schnittstelle.

Um an diesen Schnittstellen weiter voranzukommen, haben wir in den vergangenen zehn Jahren in Bayreuth eine durchaus beachtliche Infrastruktur aufgebaut. Mit unserem Institut für Entrepreneurship & Innovation ist es uns gelungen, laut Gründungsradar 2025 des Stifterverbands zur stärksten mittelgroßen Universität in Deutschlands diesem Bereich zu werden. Und unsere von der Oberfrankenstiftung geförderten Technologie-Impact-Hubs Oberfranken eröffnen Start-ups und regionalen Unternehmen einen niedrigschwelligen Zugang zu neuen Technologien – etwa in den Bereichen digitale Technologien, Materialinnovationen, Computerspiele, Glastechnologie, Additive Innovationen, Energie (Wunsiedel) und Lebensmittel (Kulmbach). Ich kann nur jeden ermutigen, sich das einmal anzuschauen und mit uns in Kontakt zu treten.

Einen weiteren Boost wird das Regionale Innovationszentrum (RIZ) bringen, das Stadt und Landkreis Bayreuth auf dem Campus der Universität Bayreuth direkt neben unserem Institut für Entrepreneurship & Innovation bauen. Damit erhalten unsere Start Ups endlich eine Heimat auf dem Campus. Und damit eröffnet sich für oberfränkische Unternehmen die Möglichkeit, sich direkt auf dem Campus einzumieten und gemeinsame Teams mit Forschenden und Studierenden zu bilden, um ihre Innovationen weiter voranzutreiben.

Insgesamt streben wir langfristige Innovationspartnerschaften mit den oberfränkischen Unternehmen an. Denn die Zukunft des Technologietransfers liegt weniger im einmaligen Wissenstransfer als vielmehr in einer langfristigen vertrauensvollen Zusammenarbeit mit interessierten Unternehmen.

Welche Chancen bietet Künstliche Intelligenz für mittelständische Unternehmen – und wie kann die Universität Bayreuth sie dabei unterstützen, diese Potenziale zu nutzen?

Professor Leible: Viele Diskussionen über KI konzentrieren sich auf Chatbots und einen vermeintlich einfachen Zugriff auf „Wissen“. Das greift deutlich zu kurz. Denn die eigentliche Revolution findet derzeit in den Betriebsabläufen statt. KI wird künftig Maschinen warten, Produktionsprozesse optimieren, Lieferketten stabiler machen, Energieverbräuche senken und Wissen im Unternehmen verfügbar halten und alle Formen der Zusammenarbeit verändern.

Gerade mittelständische Unternehmen besitzen oft einen Schatz, den große Digitalkonzerne nicht haben: hochspezialisierte Daten und tiefes Expertenwissen in ihren jeweiligen Nischen. Wer diese Daten intelligent nutzt, kann enorme Wettbewerbsvorteile erzielen.

Die HighTech Agenda Bayern hat uns im Bereich KI mit 15 neuen Professuren massiv gestärkt. Unsere Rolle als Universität sehe ich dabei als Brückenbauer. Wir wollen mit unserer Kompetenz Unternehmen helfen, Chancen realistisch und ethisch sauber zu bewerten und konkrete Anwendungsfälle zu identifizieren. Nicht jede Firma braucht einen eigenen KI-Entwickler. Aber nahezu jedes Unternehmen wird künftig verstehen müssen, wie KI strategisch eingesetzt werden kann, um Wettbewerbsvorteile zu sichern und weiter auszubauen.

Mich erinnert die aktuelle KI-Debatte manchmal an die Einführung des Internets. Viele fragen auch heute, ob Künstliche Intelligenz wirklich relevant werden kann. Tatsächlich ist sie längst Teil unseres Alltags. Und sie wird unser Leben in einer Weise disruptiv verändern, die wir uns noch gar nicht vorstellen können oder wollen. Deshalb ist es für Unternehmen entscheidend, in diesem Bereich auf der Höhe der Zeit zu sein. Deshalb bieten wir zum Beispiel mit der IHK für Oberfranken Bayreuth Formate wie den AI Day an. Der AI Day der Universität Bayreuth bringt wissenschaftliche Exzellenz und industrielle Innovation zusammen. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto „Towards Responsible and Sovereign AI for Industry!“.

Zum Abschluss ein Blick nach vorne: Was macht Sie mit Blick auf die Zukunft Oberfrankens als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort besonders optimistisch?

Professor Leible: Mich macht vor allem die Mentalität der Menschen optimistisch. Oberfranken hat nie darauf gewartet, dass andere die Probleme lösen. Die Region hat sich immer durch Unternehmergeist, Pragmatismus und Innovationskraft ausgezeichnet.

Gleichzeitig erleben wir heute eine Entwicklung, die vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet hätte: Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft arbeiten enger zusammen als jemals zuvor. Unternehmen suchen aktiv den Austausch mit der Forschung, Studierende gründen Start-ups und Kommunen verstehen Innovation zunehmend als Gemeinschaftsaufgabe. Wenn wir diese Kultur der Zusammenarbeit konsequent weiterentwickeln, müssen wir uns vor keinem anderen Standort verstecken. Die Universität Bayreuth ist dazu bereit.

Ich sage oft: Die großen Antworten auf die Zukunftsfragen entstehen nicht nur in Berlin, München oder im Silicon Valley. Einige von ihnen werden auch in Oberfranken entwickelt. Und zwar von Menschen, die mutig genug sind, neue Wege zu gehen – in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Das stimmt mich ausgesprochen zuversichtlich.

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