„Das Handwerk hat Zukunft“
Interview

„Das Handwerk hat Zukunft“

31. August 2026

Im Interview mit UnternehmerLand gibt Reinhard Bauer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Oberfranken, Einblicke in die aktuelle Lage und die größten Herausforderungen des oberfränkischen Handwerks. Er zeigt auf, wie sich politische Unsicherheiten, Fachkräftesicherung und Bürokratie auf die Betriebe auswirken, welche Chancen Digitalisierung sowie Künstliche Intelligenz bieten und warum er dennoch optimistisch auf die Zukunft des Handwerks blickt. 

Herr Bauer, wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage der Handwerksbetriebe in Oberfranken?

Reinhard Bauer: Die Lage ist schon herausfordernd, insgesamt aber stabil – das ist ja eine besondere Stärke des Handwerks. Als Branche machen wir nicht jeden Höhenflug in der gleichen Geschwindigkeit und Amplitude mit, sinken aber in der Regel auch nicht entsprechend schnell und steil ab.

Mehr als die eigentlichen Zahlen belastet die Betriebe die schlechte Stimmung, die fehlende Zuversicht und die Unsicherheit, die zum Beispiel die Reformdiskussionen mit sich bringen. Wenn ein Kunde nicht sicher ist, ob er künftig weniger Geld zur Verfügung hat, wird er nicht absolut unvermeidbare Investitionen verschieben.

Welche Herausforderungen beschäftigen die Unternehmen derzeit am stärksten?

Die politischen Unwägbarkeiten, die fehlende Planbarkeit, das in vielen Bereichen vorhandene oder so empfundene Hü und Hott. 

Schauen Sie zum Beispiel auf das neue Gebäudemodernisierungsgesetz, das das Gebäudeenergiegesetz abgelöst hat und kurz vor der parlamentarischen Sommerpause nach langen Hin und Her beschlossen wurde. Hier herrscht zwar etwas mehr Klarheit, gleichzeitig wurde – entgegen früheren Aussagen und eher im stillen Kämmerchen – die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) angepasst bzw. deutlich abgesenkt, die Sanierungen von Gebäuden fördert oder fördern sollte. Hiervon ist kein Impuls zu erwarten. 

Zudem bleibt im Bereich Bau – dieser ist ja das große, konjunkturelle Zugpferd des Handwerks – die Entwicklung bescheiden. Es gibt zwar sowohl in Bayern als auch in Deutschland ein deutliches Plus bei den Baugenehmigungen, allerdings werden gleichzeitig wieder mehr Projekte storniert. Und das Ausgangsniveau für den Vergleich, der sich auf das erste Halbjahr 2025 bezieht, war ja zudem sehr, sehr niedrig. Hier also warten wir auf entscheidende Impulse bzw. dass die Maßnahmen der Bundesregierung tatsächlich ankommen. Noch können wir das nicht wirklich sehen oder spüren.

Der Fachkräftemangel ist nach wie vor eines der größten Themen im Handwerk. Was muss aus Ihrer Sicht geschehen, um mehr junge Menschen für eine Ausbildung und Karriere im Handwerk zu begeistern?

Hier möchte ich schon die Fragestellung deutlich zurückweisen bzw. korrigieren. Der Fachkräftemangel ist bei weitem kein spezifisches Problem des Handwerks! Leider wird dies häufig so verkürzt wahrgenommen. Inzwischen aber suchen alle Branchen gleichermaßen inklusive Polizei, Zoll, Rentenversicherung etc. gute Fachkräfte, um die ein großes Gerangel entstanden ist – um es einmal salopp auszudrücken.

Doch trotz des Gerangels verzeichnen wir im Handwerk gerade einen deutlich besseren Zuspruch, das kann man angesichts der Konkurrenzsituation gar nicht hoch genug bewerten. In Oberfranken bleiben wir bei den Ausbildungszahlen sehr stabil (1.781 neue Lehrverträge mit Stand 31.08.2026), bayern- und bundesweit gibt es zum Teil sehr deutliche Zuwächse bei den Ausbildungszahlen. Hier hat das Handwerk wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Das Tal mit deutlich rückläufigen Zahlen haben wir somit durchschritten.

Zu unseren Zahlen muss man wissen: Wir haben bereits das fünfte Jahr in Folge mindestens stabile Zahlen bzw. Steigerungen und waren mit den Aufholeffekten etwas früher dran als unsere Kolleginnen und Kollegen etwa der anderen bayerischen Kammern. 

Insgesamt können wir sagen, dass sich jetzt in den Zahlen ein Trend abzeichnet, den wir seit einigen Jahren verspüren: Die Stärken des Handwerks werden wieder deutlicher sichtbar und besser wahrgenommen. Vor allem bei den Eltern, bei den Jugendlichen spüren wir schon länger ein klar ansteigendes Interesse.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern auch das Handwerk. Welche Chancen sehen Sie für die Betriebe – und wo besteht noch der größte Unterstützungsbedarf?

Die größten Chancen der KI-Anwendungen bestehen darin, dass sichtbar wird, welche Standardaufgaben und einfach zu strukturierende, sich wiederholende Dinge eine „Maschine“ bzw. ein Modell abbilden kann – und welche nicht. Das handwerkliche Knowhow bzw. ganz konkret viele Hand-Griffe und Hand-Arbeiten werden nicht Eins zu Eins zu ersetzen sein. Das ist ein großer Vorteil des Handwerks, das häufig individuelle, sehr kundenspezifische Lösungen finden muss und findet. Und gleichzeitig bei Routineaufgaben oder etwa im Büro die gleichen KI-Tools einsetzen kann, wie jeder andere auch.

Bei den technischen Anwendungen explodieren die Möglichkeiten geradezu, so dass es für das Handwerk als Ganzes nicht das eine Tool gibt, sondern tatsächlich oft auf das jeweilige Gewerk abgestimmte Anwendungen. Wir machen hierzu regelmäßig Info-Angebote und stellen Lösungen im Praxiseinsatz vor, so dass Betriebe mit ähnlichen Anforderungen voneinander lernen können.

Hinsichtlich des Unterstützungsbedarfs ist schon sehr viel passiert, so dass sich viele Betriebe auf den Weg gemacht haben oder auf den Weg machen – siehe oben. Ein Part, der manchmal etwas rudimentär behandelt wird und auf den wir aber ebenfalls häufig aufmerksam machen, sind die rechtlichen Anforderungen etwa seitens des AI-Acts.

Viele Handwerksbetriebe wünschen sich weniger Bürokratie und verlässliche politische Rahmenbedingungen. Welche Maßnahmen wären aus Sicht der Handwerkskammer jetzt besonders wichtig, um das Handwerk zu stärken?

Hier ist das Dickicht inzwischen so groß, dass wir kaum mehr den einen wichtigen Punkt benennen können. Aber natürlich wäre es von absolut entscheidender Bedeutung für uns als lohnintensive Branche, dass die Sozialversicherungsquote deutlich gesenkt wird. Hiervon sind wir allerdings meilenweit entfernt, die Anzeichen gehen ja in eine andere Richtung und die diskutierten oder auch schon beschlossenen Maßnahmen zielen maximal und im besten Verlauf darauf ab, die Belastungen stabil zu halten. Das reicht aber keinesfalls aus.

Ganz grundsätzlich scheint es so zu sein, dass die Abgeordneten und die politisch Verantwortlichen zu wenig Verständnis dafür haben, wie Betriebe funktionieren, wie der betriebliche Alltag ist und wie sich Regelungen im Detail in der Praxis auswirken. Anders ist es nicht zu erklären, dass uns viele Politikerinnen und Politiker aller Ebenen sagen, dass doch schon ganz viel Gutes passiert sei.

Zum Abschluss ein Blick nach vorne: Was macht Sie mit Blick auf die Zukunft des Handwerks in Oberfranken besonders optimistisch?

Zwei Dinge ganz besonders: Die dem Handwerk als Branche innewohnende Stärke und Stabilität. Wie ich es eingangs schon erwähnt habe – die Höhenflüge passieren etwas langsamer, die Talfahrten aber eben auch. 

Außerdem sehen wir in vielen unserer Betriebe oder eben auch in unseren Meisterschulen so viele ausgezeichnete Handwerkerinnen und Handwerker, so viel tollen Nachwuchs, so unglaublich großes Können, dass wir uns sicher sind: Das Handwerk hat Zukunft. Das Handwerk macht die Zukunft. Und das Handwerk ist die Zukunft.

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