Im Interview mit UnternehmerLand gibt Prof. Dr. Maximilian Röglinger, Geschäftsführender Direktor des FIM der Universität Bayreuth und stellvertretender Institutsleiter des Fraunhofer FIT, Einblicke in die Chancen der Digitalisierung für den oberfränkischen Mittelstand. Er erläutert zudem, wie Künstliche Intelligenz, innovative Geschäftsmodelle sowie die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der Region nachhaltig stärken können.
Herr Professor Röglinger, wie beurteilen Sie die Entwicklung Oberfrankens als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort – und welche Bedeutung kommt der Digitalisierung dabei zu?
Professor Röglinger: Oberfranken bringt Vieles mit, was einen starken Wirtschaftsstandort ausmacht: einen leistungsfähigen Mittelstand mit zahlreichen Hidden Champions, viel fachliches Know-how und vor allem Menschen, die anpacken und Dinge voranbringen wollen.
Gleichzeitig haben wir mit unseren Universitäten, Hochschulen und Fraunhofer-Einrichtungen eine hervorragende Wissenschafts- und Transferlandschaft, die eng mit den Unternehmen in der Region zusammenarbeitet. Das ist eine wirklich starke Ausgangslage. Aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen.
Denn unsere regionalen Unternehmen stehen zunehmend unter Druck. Der internationale Wettbewerb wird härter, tradierte Geschäftsmodelle geraten an ihre Grenzen und in den kommenden Jahren werden viele erfahrene Fachkräfte aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Wir müssen uns deshalb fragen, wie wir unsere wirtschaftliche Stärke unter diesen veränderten Bedingungen erhalten und idealerweise ausbauen können. Digitalisierung und insbesondere Künstliche Intelligenz bieten dafür enorme Chancen. In der Produktion hilft KI beispielsweise heute schon, Abläufe besser zu planen, Qualitätsabweichungen frühzeitig zu erkennen oder Maschinen energieeffizienter zu betreiben. In der Verwaltung lassen sich Routinetätigkeiten automatisieren und Informationen schneller aufbereiten. Das entlastet bestehende Mitarbeitende und ermöglicht es den Unternehmen, im Zweifel auch mit weniger Fachkräften auszukommen.
Für mich ist es zentral, Digitalisierung nicht nur als Mittel zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung zu verstehen. Natürlich ist es wichtig, bestehende Prozesse besser zu machen. Wir müssen uns jedoch mindestens genauso ernsthaft fragen, womit unsere Unternehmen in Zukunft ihr Geld verdienen. Dafür müssen digitale Technologien stärker in Produkte und Dienstleistungen einfließen. Ein Maschinenbauer kann beispielsweise nicht nur Maschinen verkaufen, sondern seinen Kunden durch vernetzte Anlagen und datenbasierte Dienstleistungen wie Condition Monitoring oder innovative Abrechnungsmodelle einen zusätzlichen Mehrwert bieten. Gerade im industriellen Geschäft ist es sehr anspruchsvoll, aus solchen Möglichkeiten erfolgreiche Geschäftsmodelle zu entwickeln. Aber genau darin sehe ich großes Potenzial für den oberfränkischen Mittelstand: Wir müssen unsere industriellen Stärken nutzen und KI sowie Digitalisierung sowohl auf der Kosten- als auch auf der Ertragsseite einsetzen.
Als Geschäftsführender Direktor des FIM der Universität Bayreuth und stellvertretender Institutsleiter des Fraunhofer FIT gestalten Sie den Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft aktiv mit. Wo sehen Sie noch Potenzial für eine engere Zusammenarbeit mit dem oberfränkischen Mittelstand?
Professor Röglinger: Das größte Potenzial sehe ich darin, dass wir Digitalisierung noch stärker als Investition in den Wohlstand unserer Region verstehen. Viele Unternehmen investieren selbstverständlich Millionen in eine neue Werkshalle oder ein Logistikzentrum. Bei Digitalisierung und KI hingegen wird häufig schon bei kleinen Beträgen gezögert und kritisch hinterfragt. Das liegt unter anderem daran, dass diese Themen schwer greifbar sind und außerhalb des Kerngeschäfts vieler Unternehmen liegen. Ich kann diese Skepsis daher gut nachvollziehen. Gerade mittelständische Unternehmen müssen sorgfältig abwägen, wo sie ihre begrenzten Ressourcen einsetzen. Umso wichtiger ist es, gemeinsam mit der Wissenschaft konkrete Anwendungsfälle zu identifizieren, ihren wirtschaftlichen Nutzen zu bewerten und zunächst im überschaubaren Rahmen bzw. im geschützten Raum Erfahrungen zu sammeln.
Genau dafür haben wir mit Unterstützung der Oberfrankenstiftung den Fraunhofer-Forschungscampus Twin Transformation aufgebaut. Gemeinsam mit dem Fraunhofer IPA bringen wir dort unsere Expertise aus Betriebswirtschaftslehre, Informatik und Ingenieurwissenschaften ein, um Unternehmen bei konkreten Herausforderungen zu unterstützen. Ein neues Kooperationsformat, mit dem wir gerade erste Erfahrungen sammeln, sind unsere Community-Projekte. Hier bringen wir mehrere Unternehmen an einen Tisch, die vor ähnlichen Problemen stehen. Warum bitte sollte jedes Unternehmen für sich allein nach einer Lösung suchen? Dort, wo man nicht im Wettbewerb steht, sollte man regional Kräfte bündeln. Und die Förderung der Oberfrankenstiftung erlaubt es uns, konkrete Umsetzungsprojekte um vorwettbewerbliche Vorlauf- und Begleitforschungsprojekte zu ergänzen. Gerade für den regionalen Mittelstand ist das meines Erachtens interessant, weil nicht jedes Unternehmen die nötigen Kompetenzen und Kapazitäten selbst aufbauen kann.
Eines ist mir dabei besonders wichtig: Wir haben in Oberfranken enorme Digitalexpertise direkt vor der Haustür. Unsere Expertinnen und Experten wollen mit den Unternehmen zusammenarbeiten und gemeinsam Lösungen entwickeln. Dafür müssen wir aber auch aufeinander zugehen und die bestehenden Möglichkeiten tatsächlich nutzen. Denn Forschungseinrichtungen und Kooperationsplattformen entfalten ihren Wert erst dann, wenn daraus konkrete Projekte entstehen. Wenn uns das nicht gelingt, verschenken wir wertvolles Innovationspotenzial und riskieren langfristig, diese Kompetenzen in der Region zu verlieren.
Welche Chancen bietet Künstliche Intelligenz für den oberfränkischen Mittelstand – und wie können das FIM und das Fraunhofer FIT Unternehmen bei der praktischen Umsetzung unterstützen?
Professor Röglinger: Die Chancen durch Künstliche Intelligenz für den oberfränkischen Mittelstand sind enorm. Ich bin überzeugt, dass sich langfristig nahezu alle Unternehmen mit dem Thema auseinandersetzen müssen – unabhängig von der Größe. Wer KI dauerhaft ignoriert, riskiert abgehängt zu werden.
Allerdings sollte man nicht versuchen, zu laufen, bevor man gehen kann. Nicht immer ist die neueste und am lautesten diskutierte KI-Technologie auch die beste Lösung für den Mittelstand. Als Wirtschaftsinformatiker fragen wir deshalb zuerst: Welches konkrete Problem wollen wir lösen? Welche Technologie eignet sich wirklich dafür? Und was lässt sich mit den vorhandenen Ressourcen im Unternehmen tatsächlich umsetzen und langfristig betreiben? Denn entscheidend ist nicht, möglichst viel KI einzusetzen, sondern an den richtigen Stellen.
Gerade im Mittelstand liegen große Potenziale oft in der Lösung vermeintlich alltäglicher Probleme. Ein Beispiel ist der Umgang mit betrieblichem Wissen. In vielen produzierenden Unternehmen sind wertvolle Informationen über technische Dokumentationen, verschiedene Systeme und Dateien verteilt. Für die Mitarbeitenden ist es deshalb oft aufwendig, die richtigen Informationen zu finden. Insbesondere wenn erfahrene Mitarbeitende drohen, das Unternehmen zu verlassen. Genau hier haben wir mit unserem Forschungsprojekt KIWise angesetzt. Gemeinsam mit drei mittelständischen Unternehmen haben wir untersucht, wie sich betriebliches Wissen mithilfe einer KI-basierten semantischen Suche besser zugänglich machen lässt. Eine solche Lösung kann beispielsweise den Kundenservice dabei unterstützen, relevante Informationen schneller zu finden und Kundenanfragen effizienter zu bearbeiten. Entsprechende Lösungen haben wir im Projekt prototypisch umgesetzt und dabei auch ihre Integration in bestehende Arbeitsabläufe betrachtet.
Ein weiteres vielversprechendes Anwendungsfeld ist die Angebotserstellung im industriellen Vertrieb. Wenn ein Unternehmen komplexe technische Kundenanfragen erhält, kann KI dabei unterstützen, Anforderungen zu analysieren, passende Produktinformationen zusammenzuführen und Angebote vorzubereiten. Das kann viel Aufwand ersparen.
An diesen Beispielen zeigt sich, dass die eigentliche Herausforderung häufig nicht allein in der KI-Technologie liegt. Wir müssen auch dafür sorgen, dass die Datenbasis stimmt, die Lösungen in bestehende Prozesse passen und von den Mitarbeitenden tatsächlich genutzt werden. Genau hier setzen wir bei FIM und Fraunhofer FIT an. Wir verbinden Kompetenzen im KI-Management mit der technischen Implementierung und können Unternehmen deshalb von der Identifikation und wirtschaftlichen Bewertung geeigneter Anwendungsfälle über die Entwicklung konkreter Lösungen bis hin zu Fragen der organisatorischen Umsetzung und KI-Governance begleiten. Unser Anspruch ist nicht, möglichst beeindruckende KI-Demonstratoren zu entwickeln, sondern Lösungen, die sich im Unternehmensalltag bewähren und einen messbaren Mehrwert stiften.
Die Digitalisierung verändert die Anforderungen an Fach- und Führungskräfte. Wie können Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam dazu beitragen, qualifizierte Talente für Oberfranken zu gewinnen und langfristig in der Region zu halten?
Professor Röglinger: Ich sehe hier vor allem zwei Ansatzpunkte: Wir müssen junge Menschen in der Region gut ausbilden und ihnen anschließend attraktive berufliche Perspektiven bieten… und vielleicht auch noch etwas selbstbewusster über die hohe Lebensqualität sprechen.
Gerade durch die Digitalisierung und den zunehmenden Einsatz von KI verändern sich die Anforderungen an Fach- und Führungskräfte erheblich. Technologisches Verständnis bleibt wichtig, reicht allein aber nicht mehr aus. Zunehmend gefragt sind vor allem kritisches Denken, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Bereitschaft, kontinuierlich dazuzulernen. Denn künftig wird es weniger darum gehen, Informationen selbst aufzubereiten, sondern vielmehr darum, KI-Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, fundierte Entscheidungen zu treffen und neue Technologien wirtschaftlich sinnvoll einzusetzen.
Führungskräfte müssen darüber hinaus in der Lage sein, Veränderungen aktiv zu gestalten, Technologien zu beurteilen und ihre Mitarbeitenden mitzunehmen. Diese Kompetenzen müssen wir in der Ausbildung stärker miteinander verbinden.
Das gelingt am besten, wenn Hochschulen und Unternehmen eng zusammenarbeiten. Die Wissenschaft kann eine fundierte Ausbildung bieten, während Unternehmen ihre praktischen Erfahrungen und Anforderungen einbringen. Davon profitieren beide Seiten. Studierende entwickeln Kompetenzen, die in der Praxis gebraucht werden, und lernen gleichzeitig frühzeitig mögliche Arbeitgeber in der Region kennen.
Zuletzt müssen wir auch stärker zeigen, welche beruflichen Möglichkeiten Oberfranken bietet. Unsere Region hat neben einer hohen Lebensqualität zahlreiche Unternehmen, die technologisch anspruchsvolle und zukunftsweisende Aufgaben bearbeiten. Das wird außerhalb der Region nicht immer ausreichend wahrgenommen. Hier können Wissenschaft, Wirtschaft und regionale Akteure gemeinsam bestimmt noch selbstbewusster auftreten. Es gibt schon viele spannende Angebote, aber meines Erachtens besteht durchaus noch Potenzial.
Zum Abschluss ein Blick nach vorne: Welche Entwicklungen stimmen Sie mit Blick auf die wirtschaftliche und technologische Zukunft Oberfrankens besonders optimistisch?
Professor Röglinger: Was mich optimistisch stimmt, sind vor allem die Mentalität und der Zusammenhalt in unserer Region. Wir haben in Oberfranken einen starken Mittelstand, ein leistungsfähiges Handwerk und viele Unternehmerinnen und Unternehmer, die nicht lange über Probleme sprechen, sondern nach Lösungen suchen und diese dann auch umsetzen. Ebenso haben wir aktive Multiplikatoren wie die Kammern und Wirtschaftsförderungen. Diese Tatkraft ist für mich eine unserer größten Stärken.
Natürlich stehen wir vor großen wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen. Wir haben jedoch das Wissen und die Mentalität, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern. Wenn wir diese Stärken noch stärker zusammenbringen, bin ich sehr zuversichtlich, was die Zukunft Oberfrankens anbelangt.
Kontakt Maximilian Röglinger: Maximilian.Roeglinger@uni-bayreuth.de
Forschungsinstitut für Informationsmanagement (FIM): www.fim-rc.de
Fraunhofer FIT: www.wi.fit.fraunhofer.de